Was hilft beim Zahnen wirklich?
Das sollten Eltern über das Zahnen wissen –Kinderzahnärztin Dr. Brem klärt auf
Wenn Babys anfangen zu zahnen, beginnt für viele Eltern eine anstrengende Phase Das Zahnen gehört zu den ersten großen Entwicklungsschritten im Leben eines Babys – und bringt oft viele Fragen mit sich. Warum ist mein Kind so unruhig? Was hilft bei Zahnungsschmerzen? Und ab wann sollte man zur Kinderzahnärztin gehen? Nicht jedes Baby leidet stark beim Zahnen, doch typische Beschwerden wie wundes Zahnfleisch, Schlafprobleme oder vermehrtes Sabbern sind keine Seltenheit. Unsere Kinderzahnärztin erklärt, was beim Zahnen genau passiert, wie Eltern ihr Kind in dieser Phase bestmöglich unterstützen können –und wann ein Zahnarztbesuch sinnvoll ist.

Interview mit Bettina Dr. Brem
Als Zahnärztin und Mutter ist es mir ein besonderes Anliegen, Eltern in dieser aufregenden, aber manchmal auch herausfordernden Phase umfassend zu begleiten. Das Zahnen ist ein entscheidender Moment in der Entwicklung Ihres Kindes – die Grundlage für eine gesunde Mund- und Zahnentwicklung wird hier gelegt.
Viele Eltern fragen sich, wie sie ihr Kind beim Zahnen bestmöglich unterstützen können und worauf sie in dieser Zeit achten sollten. Neben liebevoller Zuwendung und kleinen Hilfen zur Linderung der Beschwerden spielt auch die frühe Zahnpflege eine zentrale Rolle. Schon mit dem Durchbruch des ersten Zähnchens beginnt die Vorsorge für gesunde, kräftige Zähne.
Wie Sie die empfindlichen Milchzähne optimal pflegen, Beschwerden beim Zahnen lindern und von Anfang an für eine gute Mundgesundheit sorgen können, möchte ich Ihnen hier näher erklären.
Rund um das Thema kursieren viele Mythen –von Bernsteinketten bis Kamillentee. Können Sie uns erklären, was beim Zahnen wirklich im Körper des Babys passiert?
Ja, gern. Wenn die ersten Zähnchen durchbrechen, kann das für Babys durchaus unangenehm sein –das Zahnfleisch ist gereizt, es juckt, spannt oder schmerzt leicht. Nicht alle Babys zeigen starke Symptome, aber viele sind quengelig, haben weniger Appetit oder schlafenunruhiger. Es ist eine ganz normale Entwicklungsphase –der Körper leistet hier viel.
Bernsteinketten sollen beim Zahnen helfen. Ist da etwas dran?
Nein –aus medizinischer Sicht gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Bernsteinketten beim Zahnen schmerzlindernd wirken. Außerdem besteht Erstickungs-oder Strangulationsgefahr. Ich rate ganz klar davon ab.
Viele Eltern greifen beim Zahnen zu homöopathischen Mitteln –
z.B. Globuli. Helfen die tatsächlich?
Die Wirkung homöopathischer Mittel ist wissenschaftlich umstritten –es gibt bisher keine belastbaren Studien, die eine eindeutige Wirksamkeit belegen. Trotzdem berichten viele Eltern, dass bestimmte Mittel ihren Kindern Linderung verschafft haben. Wichtigist, die Anwendung bewusst und informiert anzugehen. Zum einen gibt es sogenannte Komplexmittel, die mehrere Wirkstoffe kombinieren und auf typische Zahnungsbeschwerden ausgerichtet sind –etwa OsanitKügelchen oder EscatitonaTropfen. Diese sind rezeptfrei erhältlich und werden häufig verwendet.
Zum anderen bietet die klassische Homöopathie gezielt einzelne Mittel an, die auf konkrete Symptome abgestimmt sind. Wenn Eltern ihr Kind genau beobachten, können sie oft erkennen, welches Mittel passen könnte. Beispiele:
Chamomilla
bei sehr unruhigen, weinerlichen Babys, die nur auf dem Arm zu beruhigen sind
Belladonna
bei plötzlichen Schmerzen, gerötetem Gesicht und eventuell Fieber
Ferrum phosphoricum
bei beginnender Erkältung oder leichtem Fieber beim Zahnen
Rheum
bei Zahnungsbeschwerden mit dünnem, übelriechendem Stuhlgang
Wichtig hierbei
Nicht einfach „auf Verdacht“ geben, sondern am besten nach Rücksprache mit einem erfahrenen Kinderarzt, Zahnarzt oder Homöopathen. Auch homöopathische Mittel gehören nicht dauerhaft oder hochdosiert angewendet.
Wie hilfreich ist es beim Zahnen das Zahnfleisch zu massieren?
Sehr! Das ist eine der besten und einfachsten Maßnahmen. Mit einem sauberen Finger oder speziellen Beißringen kann man sanft das Zahnfleisch massieren. Das lindert den Druck und kann sogar den Zahndurchbruch fördern. Wichtig: Alles sauber halten und keine scharfen Gegenstände verwenden.
Kamillentee gilt als beruhigend –hilft er auch beim Zahnen?
Kamille kann entzündungshemmend wirken, aber sie ersetzt keine gezielte Maßnahme wie Kühlen oder Massieren. Außerdem sollte Kamillentee nicht über längere Zeit regelmäßig gegeben werden, vor allem nicht in der Flasche –das kann die Zähne schädigen. Wenn überhaupt, dann nur ungesüßt und löffelweise, nicht zur Daueranwendung.
Mein Baby isst plötzlich schlecht – hängt das mit dem Zahnen zusammen?
Ja, das kann gut sein. Das gereizte Zahnfleisch macht das Trinken oder Kauen unangenehm. Meist ist das ein vorübergehender Effekt. Wichtig ist, ruhig zu bleiben und dem Kind Zeit zu geben. Kühle, weiche Speisen oder gekühlte Beißringe können in dieser Zeit wohltuend sein.
Zusätzliche Hilfen beim Zahnen – was wirklich unterstützt:
Gekühlte Beißringe oder Löffel
lindern Schwellung und Druckgefühl.
Zahnfleischmassage mit sauberen Fingern
besonders wirksam vor dem Einschlafen.
Stillen oder Flasche als Trost
Nähe und Saugen wirken beruhigend.
Karotten-oder Gurkensticksaus dem Kühlschrank
(nur unter Aufsicht!) – natürliche Hilfe für ältere Babys.
Kühle Waschlappen zum Kauen
ein bewährter Hausmittel-Klassiker.
Viel Nähe und Geduld
oft hilft die Mama oder Papa einfach am besten.
Ist Fieber beim Zahnen normal?
Leicht erhöhte Temperatur kann vorkommen, weil das Immunsystem beansprucht wird –aber echtes Fieber (über 38,5°C) ist kein typisches Zahnungszeichen. Wenn ein Baby fiebert, sollte man immer auch andere Ursachen in Betracht ziehen –etwa Infekte –und das vom Kinderarzt abklären lassen.

Fazit: Zahnen – eine kleine große Herausforderung
Das Zahnen ist ein natürlicher Entwicklungsschritt – manchmal sanft, manchmal mit Tränen verbunden. Für Babys bedeutet es körperliche Veränderungen, für Eltern oft schlaflose Nächte. Doch mit ein wenig Geduld, liebevoller Begleitung und kleinen, wirkungsvollen Hilfen lässt sich diese Phase gut meistern.
Wichtig ist: Jedes Kind ist anders. Was dem einen hilft, muss beim anderen nicht wirken. Beobachtung, Intuition und ein guter Austausch mit Fachpersonen helfen, den eigenen Weg zu finden. Und auch wenn es anstrengend ist – das erste Zähnchen ist ein Meilenstein, den Eltern und Kind gemeinsam schaffen. Denn so herausfordernd das Zahnen auch sein mag – es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg ins Großwerden. Und am Ende strahlen sie uns an: die ersten kleinen Zähnchen, oft begleitet von einem ganz großen Lächeln.





